Olympia-Nein der Jugend: Warum vielen jungen Menschen der Glaube an die Zukunft fehlt

Intersport Flagship Store Osnabrueck Moderatorin Sport Ilka Groenewold

Olympia-Nein der Jugend: Warum vielen jungen Menschen der Glaube an die Zukunft fehlt

Generation Nein? Warum viele junge Menschen bei Olympia skeptisch sind – und was das über unsere Gesellschaft verrät

Hamburg hat sich erneut gegen eine Olympia-Bewerbung entschieden. Rund 55 Prozent der Abstimmenden lehnten die Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele ab. Die öffentliche Debatte konzentrierte sich anschließend vor allem auf die Frage, ob eher wohlhabende Stadtteile dafür und einkommensschwächere Stadtteile dagegen gestimmt hätten. Tatsächlich zeigen Analysen deutliche soziale Unterschiede im Abstimmungsverhalten. Doch vielleicht liegt die spannendere Frage ganz woanders: Warum sind gerade viele junge Menschen heute so skeptisch gegenüber großen Zukunftsprojekten? Denn wer mit Menschen Anfang 20 spricht, merkt schnell: Die Ablehnung von Olympia ist oft weniger eine Ablehnung des Sports als vielmehr Ausdruck eines tieferen gesellschaftlichen Gefühls. Es geht um Vertrauen. Um Zukunftserwartungen. Und um eine Generation, die anders aufgewachsen ist als jede Generation zuvor.

Die Generation der Dauerkrise

Wer heute 20 Jahre alt ist, wurde ungefähr zwischen 2004 und 2006 geboren. Diese Generation kennt eine erstaunliche Reihe von Krisen nicht aus dem Geschichtsbuch, sondern aus der eigenen Lebensrealität. Als Kinder erlebten sie Finanzkrisen und politische Unsicherheiten. Als Jugendliche kam die Corona-Pandemie. Danach folgten Krieg in Europa, Energiekrise, Inflation, Wohnungsnot, Klimadebatten und eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung. Während frühere Generationen ihre Jugend oft mit Aufbruch, Freiheit und Optimismus verbinden, verbinden viele junge Erwachsene ihre Jugend mit Ausnahmezuständen. Die entscheidenden Jahre der Persönlichkeitsentwicklung fanden für viele vor Bildschirmen statt.

Die vergessenen Corona-Jahre

Besonders prägend war die Pandemie. Viele Erwachsene haben Corona als zwei schwierige Jahre erlebt. Für Jugendliche waren es oft die wichtigsten Jahre ihres Lebens. Abschlussfeiern fielen aus. Sportvereine schlossen. Freundschaften wurden digital. Erste Beziehungen fanden teilweise gar nicht statt. Studienanfänge erfolgten vor Zoom-Kameras. Ausbildungsplätze waren unsicher. Während ältere Generationen auf Jahrzehnte voller Erfahrungen zurückblicken konnten, verloren junge Menschen einen erheblichen Teil ihrer Jugend. Psychologen sprechen bis heute von den langfristigen Folgen sozialer Isolation auf junge Menschen. Die Botschaft lautete damals: „Verzichtet heute, damit es morgen besser wird.“ Viele haben verzichtet. Doch das versprochene „morgen“ fühlt sich für manche bis heute nicht besser an.

Warum Olympia auf manche junge Menschen wie ein Symbol wirkt

Olympia ist für Befürworter ein Zukunftsprojekt. Für manche junge Menschen wirkt es dagegen wie ein Symbol einer Politik, die ihre Prioritäten falsch setzt. Die Gedanken dahinter lauten häufig:

  • Warum sprechen wir über Milliarden für Großveranstaltungen, wenn Wohnungen fehlen?
  • Warum entstehen Prestigeprojekte, während viele junge Menschen keine bezahlbare Miete finden?
  • Warum werden Zukunftsversprechen gemacht, wenn andere Versprechen bereits unerfüllt geblieben sind?

Dabei geht es nicht zwingend um die tatsächlichen Kosten oder Nutzen einer Olympiabewerbung. Es geht um Wahrnehmung. Und Wahrnehmung ist politisch oft stärker als jede Kostenrechnung. Die Universität Hamburg stellte im Vorfeld des Referendums fest, dass wirtschaftliche Überlegungen eine zentrale Rolle für Zustimmung oder Ablehnung spielten.

Die Krise des Vertrauens

Vielleicht ist die eigentliche Abstimmung gar nicht über Olympia erfolgt. Sondern über Vertrauen. Viele junge Menschen haben den Eindruck, dass große Versprechen häufig nicht eingehalten werden:

  • Die Rente erscheint unsicher.
  • Wohneigentum wirkt unerreichbar.
  • Der soziale Aufstieg scheint schwieriger.
  • Politische Prozesse erscheinen langsam.
  • Infrastrukturprojekte dauern oft Jahrzehnte.

Wenn dann ein neues Großprojekt vorgestellt wird, lautet die erste Reaktion nicht mehr: „Das könnte großartig werden.“ Sondern: „Was wird diesmal schiefgehen?“ Diese Haltung ist nicht zwangsläufig ideologisch. Sie ist oft biografisch.

Vom Zukunftsoptimismus zum Zukunftsmanagement

Frühere Generationen gingen häufig davon aus, dass die Zukunft besser wird. Viele junge Menschen gehen heute eher davon aus, dass sie schwieriger wird. Der Unterschied ist gewaltig. Wer optimistisch in die Zukunft blickt, unterstützt eher große Visionen. Wer vor allem Risiken sieht, konzentriert sich auf Schadensbegrenzung. Man könnte sagen: Die Generation der Babyboomer wurde mit Aufstiegserzählungen sozialisiert. Die Generation Z wurde mit Krisenerzählungen sozialisiert. Das prägt politische Entscheidungen.

Warum viele junge Menschen trotzdem nicht resigniert sind

Wer junge Menschen nur als pessimistisch beschreibt, macht allerdings einen Fehler. Denn dieselbe Generation engagiert sich stark:

  • im Klimaschutz,
  • in sozialen Projekten,
  • in Vereinen,
  • in digitalen Gemeinschaften,
  • in Start-ups,
  • in ehrenamtlichen Initiativen.

Das Problem ist nicht fehlendes Engagement.

Das Problem ist fehlender Glaube daran, dass große Institutionen ihre Versprechen einlösen.

Viele junge Menschen glauben eher an lokale Initiativen als an große Systeme.

Eher an konkrete Veränderungen als an große Visionen.

Was Politik und Gesellschaft daraus lernen sollten

Die Reaktion auf das Olympia-Nein sollte deshalb nicht sein, jungen Menschen mangelnden Idealismus vorzuwerfen.

Wer nur sagt:

„Die Jugend versteht die Chancen nicht.“

wird die eigentlichen Ursachen übersehen.

Stattdessen müssten Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fragen:

Warum fällt es uns zunehmend schwer, Zuversicht zu erzeugen?

Denn Zuversicht entsteht nicht durch Werbekampagnen.

Zuversicht entsteht durch Erfahrungen.

Wenn Menschen erleben, dass Dinge funktionieren, wächst Vertrauen.

Wenn Menschen erleben, dass Versprechen eingehalten werden, wächst Optimismus.

Wie junge Menschen wieder positiver in die Zukunft blicken können

Die gute Nachricht lautet:

Pessimismus ist kein Naturgesetz.

Optimismus kann entstehen – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

1. Mehr echte Beteiligung statt fertiger Konzepte

Junge Menschen wollen nicht nur informiert werden.

Sie wollen mitgestalten.

Wer früh beteiligt wird, entwickelt Verantwortung und Identifikation.

2. Sichtbare Erfolge schaffen

Große Zukunftsvisionen überzeugen erst dann, wenn kleine Fortschritte sichtbar werden.

Eine sanierte Schule, eine neue Bahnverbindung oder mehr bezahlbarer Wohnraum schaffen oft mehr Vertrauen als hundert Hochglanzbroschüren.

3. Erfolgsgeschichten erzählen

Deutschland diskutiert häufig über Defizite.

Natürlich müssen Probleme benannt werden.

Aber Gesellschaften brauchen auch positive Erzählungen.

Menschen benötigen Beispiele dafür, dass Fortschritt möglich ist.

4. Gemeinschaft stärken

Viele junge Menschen haben während Corona erfahren, wie belastend Isolation sein kann.

Vereine, Sport, Kultur und Ehrenamt sind deshalb nicht bloß Freizeitangebote.

Sie sind gesellschaftliche Infrastruktur.

5. Zukunft wieder als Chance begreifen

Klimawandel, Digitalisierung und geopolitische Konflikte sind reale Herausforderungen.

Doch Herausforderungen sind nicht automatisch Katastrophen.

Gesellschaften werden stärker, wenn sie Probleme lösen lernen.

Nicht, wenn sie nur über Probleme sprechen.

Fazit: Das Olympia-Nein ist möglicherweise mehr als ein Olympia-Nein

Vielleicht war das Hamburger Referendum weniger eine Abstimmung über Sportstätten, Medaillen oder internationale Aufmerksamkeit.

Vielleicht war es ein Stimmungsbild.

Ein Spiegel einer Generation, die mit Unsicherheit aufgewachsen ist und deshalb kritischer auf große Versprechen blickt.

Wenn wir junge Menschen für große Zukunftsprojekte begeistern wollen, reicht es nicht, die Vorteile eines einzelnen Projekts zu erklären.

Wir müssen wieder Vertrauen schaffen.

Denn Menschen stimmen selten für eine Vision, wenn sie nicht an die Zukunft glauben.

Die eigentliche Herausforderung nach dem Olympia-Nein lautet daher nicht:

„Wie gewinnen wir das nächste Referendum?“

Sondern:

„Wie schaffen wir es, dass eine junge Generation wieder mit Zuversicht auf die kommenden Jahrzehnte blickt?“

Denn wo Zuversicht wächst, entstehen auch Mut, Gestaltungskraft und die Bereitschaft, große Chancen zu ergreifen.