Ilka Groenewold geht den Jakobsweg – Camino Frances

Ilka Groenewold geht den Jakobsweg – Camino Frances

Meine Lieben!

Ich danke euch sehr für die vielen Kommentare und „likes“ auf den unterschiedlichen Social Media Kanälen. Ich bin wirklich überwältigt. Sicherlich seid ihr schon gespannt was ich alles zu berichten habe. Daher möchte ich euch heute einen kleinen Einblick in meine Erlebnisse gewähren.

Here we go…

Zunächst gibt es eine Antwort auf die Frage – WARUM ? Seit einigen Jahren liebäugel ich mit dem Jakobsweg. Doch ich dachte immer, woher nehme ich die Zeit 800 Kilometer durch Spanien zu pilgern. Ich hörte das Hörbuch von Hape Kerkeling, sah youtube Videos zu dem Thema etc., um von Hamburg aus ein wenig Jakobsweg-Stimmung zu empfinden. Als im Dezember dann die Verfilmung von „Ich bin dann mal weg“ auf der Kinoleinwand zu sehen war, nahm ich mir fest vor auch diesen Weg zu gehen. Der Reiz des Abenteuers ist so groß, dass ich es unbedingt in Angriff nehmen muss(te). Als sich die Ereignisse dann überschlugen – Todesfälle von Roger Cicero über Peter Lustig bis hin zu weiteren Persönlichkeiten der Öffentlichkeit – wurde mir immer wieder deutlich wie wichtig es ist, sich alle seine Träume zu erfüllen. Also packte ich meine Koffer im Mai 2016 und sagte „Ich bin dann mal weg…“.

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Nach meiner Ankunft in Saint Jean Pied de Port am 15. Mai 2016.

Von Düsseldorf (Weeze) aus ging es mit dem Flugzeug nach Biarritz und von dort brachte mich ein Shuttle-Service zum „offiziellen“ Startpunkt des Camino Frances – nach Saint Jean Pied de Port. Hier begann meine Pilgerreise am Pfingstmontag, dem 16. Mai 2016 um 8 Uhr. Und die erste Etappe des Camino Frances hatte es gleich in sich, denn es ging ca. 1.400 Meter hoch – über die Pyrenäen nach Roncesvalles. Trotz der Tatsache, dass Steigungen und Berge für mich eine Herausforderung darstellen, ging es zügig bergauf. Vermutlich waren es Adrenalin und Vorfreude die aus einem eigentlich anstrengenden Marsch, ein Kinderspiel für meine Füße machten. Dennoch dort oben in den Bergen war es eisig kalt, die Finger schwollen an (wie ich später in der Herberge feststellte) und der Nebel ließ eine Sicht von maximal zwei Meter zu. Doch wir wollen uns nicht beklagen, denn wer am 14. oder 15. Mai hier rauf wollte, musste auch noch zusätzlich Regenschauer in Kauf nehmen.

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Auf dem Weg nach Roncesvalles.

Trotz des schlechten Wetters, ist die Landschaft sehr eindrucksvoll. Und, wenn der Nebel nicht gerade alles verdeckt, sieht man Wildpferde und eine wunderschöne Berglandschaft.

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Und so genieße ich die Natur und habe weiter das Ziel vor Augen – 800 Kilometer zu Fuß – über Stock und Stein…und das in 3,5 Wochen. Denn das war der Zeitraum, den ich mir für meine Reise genommen habe. Die sogenannten Pilgerführer schlagen meist Etappen mit bis zu 30 Kilometern pro Tag vor, sodass ein Pilger rund vier bis fünf Wochen für die komplette Strecke von Saint Jean Pied de Port bis Santiago de Compostela benötigt. Ich dachte mir, wenn du jeden Tag fünf bis zehn Kilometer mehr gehst, kannst du es auch in 3,5 Wochen schaffen. Ich weiss nicht mehr wie ich darauf kam, aber vor meiner Abreise kündigte ich an, dass ich versuche am Anfang 50 Kilometer pro Tag zu pilgern. Von allen Seiten hörte ich nur: „Das kannst du nicht schaffen. Das hältst du nicht mehrere Tage durch“. Ja, und da war dann doch ein wenig zu viel Ehrgeiz und Ansporn mit im Spiel. Ein gutes ostfriesisches Sprichwort lautet: Geit net, gift net“. Und so versuchte ich nicht schnell, aber lange – bis in die Abendstunden Tag für Tag durch Spanien zu pilgern. Das fiel mir leicht und bereitete mir Freude, denn gerade in den ersten Etappen verändern sich die Vegetationen und das Landschaftsbild. Immer wieder wird man aufs Neue überrascht, sodass ich meist um 17/18 Uhr, wenn ich mich eigentlich um ein Refugio hätte kümmern müssen, noch ein wenig weiter in der Natur schlenderte. Und so waren es Tag für Tag 50 Kilometer Strecke …

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Das eine oder andere Hindernis gilt es zu überwinden – wie im Leben!

Eine Zeit ohne Internet – ohne Facebook und Co. Also Zeit abzuschalten, Zeit über alles nachzudenken. So viel Zeit, dass man irgendwann mit den Tieren und Bäumen spricht oder laut vor sich hin irgendetwas schreit oder singt. Zumindest dann, wenn man das Gefühl hat ganz alleine zu sein. Das war bei mir immer der Nachmittag, denn die Pilger sind meist ab sechs Uhr morgens auf dem Weg und kommen gegen 14 Uhr am Ziel ihrer Tagesetappe an. Ich begann meist um acht Uhr morgens meine 1. Etappe und am Nachmittag meine 2. Etappe – somit hatte ich am Nachmittag oft stundenlang keine Menschenseele gesehen. Das empfand ich „ideal“, denn so kam ich am Vormittag ins Gespräch mit anderen Pilgern und konnte am Nachmittag mich mit mir beschäftigen. Es gibt viele Wege den Camino Frances zu gehen – in einer Gruppe, als Paar oder alleine – wie ich es gemacht habe. Auch in Sachen Gepäck-Förderung gibt es unterschiedliche Varianten. Der eine Pilger schleppt Tag für Tag den ca. 10 kg schweren Rucksack über den Berg, der andere nutzt den drei Euro Gepäckservice, der verspricht, dass der Koffer in seinem Refugio bereits auf ihn wartet. Gleiches gilt mit den Unterkünften. Mutige Pilger suchen spontan und gerne spät die Unterkunft (dazu zähle ich mich;-)), die, die auf Nummer sicher gehen wollen, reservieren, wo immer es möglich ist, und schlagen bereits am Nachmittag auf. Egal, welche Variante man bevorzugt, alleine oder in einer Gruppe, mit Gepäck oder ohne – sie Alle haben ein Ziel – die Ankunft in Santiago de Compostela. Wie sich herausstellte ist bei den meisten Pilgern nicht ein christlicher Hintergrund die Ursache ihres Weges. Es sind ganz andere Gründe, warum das „Pilgern“ sich mittlerweile zu einem „Kult“ entwickelt hat. Der Mensch möchte Fahrt aus dem Leben neben – das immer schneller und höher kann auf Dauer nicht gut gehen. Der Mensch möchte im Jetzt und Hier leben, den Moment genießen, frei von Sorge sein und er möchte sich geborgen fühlen. Alle diese Erfahrungen kann ein Pilger auf seiner Pilgerreise erleben. Bevor ich auf den eher emotionalen Aspekt dieser Reise eingehe, möchte ich zunächst einige Pilger vorstellen, die mir auf meinem Weg begegnet sind.

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Pilger sind eben kreativ – wie hier an einer „Raststätte“ hinter Roncesvalles.

Wer sind diese Pilger? Das habe ich mich im Vorfeld meiner Reise immer wieder gefragt und so war es sehr spannend, die unterschiedlichsten Lebensgeschichten zu erfahren. An meinem zweiten Abend lernte ich einen Piloten, mitte 40 aus Amsterdam kennen. Ich sprach holländisch mit ihm (soweit ich es kann;-)) und wir kamen schnell ins Gespräch. Wir beschlossen am darauffolgenden morgen gemeinsam zu frühstücken – ein „Pilgerfrühstück“ wie es gerne genannt wird. Darunter versteht man einen frisch gepressten Orangensaft, Tee/ Kaffee und Toast mit Butter und Marmelade (Kosten: ca. 3 €).  Als wir also in einem Restaurant bei Tee und Toast beisammen sitzen, berichtete er mir, dass er ein Jahr lang die Welt erkunden möchte. Der Camino ist seine erste Reise, dann werden der Mount Everest und der Kilimandscharo erklimmt und und und. Ich fragte nach den Gründen seines Trips: Seine Freunde sprechen von Midlife-crisis, er selbst hat beruflich alles erreicht, was er in seinem Bereich erreichen kann und ist trotz eines Spitzengehaltes unglücklich. Er möchte sein Leben genießen und sucht sicherlich eine Antwort auf die eine oder andere Frage im Leben. Während unseres Gespräches und auch in den folgenden Tagen spüre ich immer wieder, dass einige auf diesem Weg sind, da sie keinen anderen Ausweg mehr im Leben sehen. Es begegneten mir viele geschiedene Männer, die mir sagten, sie seien zu kritisch geworden und zu „negativ“ – sie möchten einer Frau wieder eine Chance geben und zunächst ihr eigenes Leben auf dem Camino wieder in den Griff bekommen.

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Mancher Weg präsentierte sich so.

Natürlich gibt es nicht nur „traurige“ Geschichte auf dem Camino. Ganz im Gegenteil. Ich erlebte auch tolle „Liebesgeschichten“ auf dem Camino. Beispielsweise nach Burgos, wo ich in einem Refugio ein Paar, Mitte 20, aus Süd-Korea kennenlernte, die den Camino – also 800 Kilometer Strecke – als ihre Form der Hochzeit erleben. Die beiden waren überglücklich und hey, wer gemeinsam ca. 32 Tage lang Tag und Nacht verbringt, sich auf das geringste materielle reduziert, der stellt sicherlich die Beziehung das eine oder andere Mal auf den Prüfstand. Jedenfalls freue ich mich für die Beiden und wünsche ihnen für ihre Zukunft nur das Beste.

Auch ein paar „verrückte“ liebenswerte Pilger traf ich. Zum Beispiel einen Pilger aus Ungarn, Mitte 40, der mit einem 25 Kilogramm Rücksack in Saint Jean Pied de Port startete und an dem Tag, wo es zum Cruz de Ferro, dem höchsten Punkt des Caminos Frances ging, sage und schreibe 50 Kilometer zurücklegte. Er fühlte sich von mir motiviert und so war er einer der wenigen, den ich häufiger auf dem Jakobsweg begegnete. Ob in der Herberge oder in der Mittagspause. Wir sahen uns immer mal wieder. Ich habe größten Respekt vor seiner Leistung. Auch, wenn er den Rucksack geleert hatte, so schleppte er sicherlich doppelt so viel Maße wie ich mit sich rum.

Eine weitere Pilgerin, die ich sehr bewundere, hat folgendes Schicksal. Sie sollte an der Hüfte operiert werden, doch weigerte sie sich und ging den Camino. Sage und schreibe 12 Kilometer hat sie jeden Tag mit ihrer vermeidlichen „kaputten“ Hüfte zurückgelegt. Sie begegnete mir glücklich und sagte, dass sie nun geheilt sei. Der Camino hat sie geheilt und ihrer Hüfte geht es gut.

In den Herbergen am Abend teilten wir oft unsere Pilger-Begegnungen aus und der eine oder andere Pilger war schon „bekannt“. Da liegt man hunderte Kilometer auseinander und lernt nur einen Bruchteil der Pilger kennen und man kennt die Geschichten der anderen bzw. ist den gleichen Personen begegnet.

Ich könnte jetzt noch unzählige Pilgergeschichten erzählen, doch der Camino bringt so viel mehr mit sich, was ich euch nicht vorenthalten möchte.

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Jeder Pilger geht seinen eigenen Weg!

Kommen wir nun zum „emotionalen Aspekt“ des Caminos. Von Anfang an und bis zum Schluss (mit wenigen Ausnahmen, worauf ich später noch eingehen werde), präsentierte sich der Jakobsweg als ein sicherer Ort voller Liebe und Leidenschaft. Angefangen bei den Betreibern der Herbergen bis hin zu den Menschen auf der Straße. Jeder begrüßte die Pilger mit einem Lächeln im Gesicht und den Worten „Ola. Buen Camino„. Ich habe noch nie so viel Gastfreundschaft in einem anderen Land erlebt. Und gleichzeitig bekommt ein Pilger das Gefühl, dass die Einheimischen dankbar für seinen Besuch sind und sich dennoch nicht an ihm bereichern wollen. Das war vor allem daran zu erkennen, dass es viele Unterkünfte (die lediglich 5-10 € pro Nacht kosten) und Bars gab, in denen man eine Spende als Bezahlung für Speis und Trank da ließ und jeder so viel geben durfte wie er kann. „Dankbarkeit“ ist hier ein Wort was sowohl die Einheimischen wie auch die Pilger charakterisiert. Gleichzeitig wirkte jeder auf diesem Weg glücklich. Und es zeigte mir, es bedarf nicht viel, um glücklich zu sein oder zu werden. Es sind die kleinen, besonderen Momente, die dazu führen.

Apropro Momente – der Weg offenbarte sich mir auch als spiritueller Weg und präsentierte sich häufig als Spiegelbild meines Alltags. Ich glaube fest daran, dass Hilfe kommt, wenn man sie im Leben braucht. Und genauso ist es auch auf dem Camino. Am zweiten Tag machte ich den großen Fehler und riß mit einem Compeed Pflaster die Haut meiner Blase hinter den Zehen am rechten Vorfuß ab. Das tat nicht nur höllisch weh, nein, dass hatte auch zur Folge, dass ich drei Tage lang den Camino humpelnd erlebte;-). Eine Situation, wo ich Hilfe nur gebrauchen konnte. Und siehe da, an den darauffolgenden Abenden hatte ich zufälligerweise Krankenschwestern in meiner Herberge, die natürlich bestens ausgerüstet waren – von Desinfektionsspray bis hin zu Compeed Pflastern in allen möglichen Ausführungen. Und alle halfen sie – es ging so weit, dass ein Pilger aus Deutschland in Burgos aus der Apotheke Vaseline für mich kaufte (ein Wundermittel;-) – Tipp von einer der Krankenschwestern). Er meinte, dass sei doch kein Problem. Und so konnte ich weitere Blasen verhindern, indem ich morgens vor dem Start Vaseline zwischen die Zehen gerieben habe. Von dem Tag an brauchte ich keine Hilfe mehr und so begegnete mir auch keine Krankenschwester wieder.

Eine weitere spirituelle Begegnung erlebte ich in der Mitte des Weges bei Kilometer 400… ein Pilger mit Gitarre und eine Hippie-Pilger-Dame liefen etwa 100 Meter vor mir. Auf dem Camino hat man viel Zeit der Phantasie freien Lauf zu lassen und so stellte ich mir vor, wie wir gemeinsam den Klassiker „Stand by me“ hin schmettern. Siehe da, 10 Minuten später singt die Hippie-Pilger-Dame, den Song, den ich noch eben in meinem Kopf hatte. Strange, oder? Telepathie? Ich weiss es nicht. Jedenfalls zeigte mir dieser Moment, es muss mehr geben als das, was wir von uns Menschen wissen.

Und so lehrte mich der Weg und es begegneten mir immer wieder Menschen von denen ich etwas lernen konnte. Und, wenn ich mir etwas ganz fest gewünscht habe, habe ich es beim Universum bestellt und es wurde wahr. Das waren häufig Dinge wie ein Örtchen mit Herberge, ein Brunnen, eine Toilette oder sonstige Kleinigkeiten, die ich brauchte. Sie waren da, wenn sie gebraucht wurden.

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Ein Städtchen auf dem Camino Frances.

Ich lernte und spürte, dass wir alle „eins“ sind. Es ist egal, ob du aus Indien, den USA oder Deutschland kommst. Auf dem Jakobsweg sind alle gleich und jeder wird gleich behandelt. Es ist schön zu sehen, dass wir Abend für Abend mit „wildfremden“ Menschen aus aller Welt zusammensitzen, Gesellschaftsspiele spielen, speisen und das Leben genießen. „Warum kann die Welt nicht so sein wie der Camino Frances?“. Diese Frage diskutierte ich immer wieder mit denen, die gleiches wie ich fühlten und bei sich zu Hause in Angst leben. Wie ein Pilger aus der Türkei, der mit mir am Nachmittag 15 Kilometer Richtung Leon lief und viele tiefgründige Gespräche über Gesellschaft und Krieg führte. Und ich erzählte ihm, dass unser Camino vielleicht der sicherste Ort derzeit ist.

Der eine oder andere hatte Angst um mich im Vorfeld meiner Reise. Und auch Bekannte, die gerne den Camino gehen möchten, äußerten Ängste. Doch diese Angst braucht niemand zu haben. Der Jakobsweg fühlt sich an wie ein von Gott-beschützter Ort – ich bin nicht religiös, auch, wenn dies für euch Leser vielleicht so erscheinen mag. Und die Menschen, die mir begegneten waren Menschen, die Gemeinsamkeiten mit mir hatten. Die meisten von Ihnen sind den New York Marathon gelaufen. Es gab demnach genügend Gesprächsstoff. Nur irgendwie ließ mich der Gedanke nicht loss, dass es doch nicht sein kann, dass man nur „Sportler“ hier begegnet. Und die meisten von Ihnen sind „laufend“ unter drei Stunden beim Marathon unterwegs. Beim „pilgern“ eher im gemächlichen Tempo, aber das soll ja auch so sein. Jedenfalls kann man einen Pilger, der Marathon läuft, nicht am Pilger-Laufstil erkennen. Ich weiß immer noch nicht, warum ich gerade diesen „sportlichen“ Pilgern begegnet bin. Vielleicht weil dies auch wie im Leben ist – man zieht einfach bestimmte Menschen an.

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In Pamplona (Navarra).

Übrigens auf diesem Weg rücken ganz andere Wehwechen in den Mittelpunkt des Alltags. Sonst so wichtige Dinge werden auf einmal unwichtig. Für mich waren beispielsweise meine Füße von Anfang an „hoch und heilig“. Sie wurden täglich wie eine Prinzessin auf der Erbse behandelt. Denn es war klar, knicke ich um oder gehe nicht sorgsam mit ihnen um, kann der Trip schnell zum Albtraum werden. Da kommt mir wieder meine Blase in den Sinn. Wer sich fragt, wie man 50 Kilometer mit höllischen Blasenschmerzen laufen kann, dem möchte ich folgendes empfehlen: Denkt an die Menschen, die nicht laufen können. Und an die, die im Krieg teilweise nur mit einem Bein humpeln… hält man sich so etwas vor Augen, ist die Blase schnell vergessen und es geht weiter im Leben. „Was ist schon eine Blase“ fragte ich mich immer wieder selbst. Ich dachte an Gela Allmann, die bei einem Sportunfall fast ihr Leben verlor und heute schon wieder Skifahren kann. Oder an Sandra Mastropietro, die über 100 Kilometer humpelnd in Nordeuropa bezwang. Letztendlich können wir alles schaffen, wenn wir wollen. Die Grenzen setzen wir uns meist selbst. Auch das zeigte mir der Camino immer wieder aufs Neue. Jedenfalls hilft es sich schlimmeres auszumalen oder Vorbilder als Motivation heranzuziehen. Wer meine Geschichte kennt, weiss, dass es Glück ist, dass ich heute laufen bzw. gehen kann. Von daher habe ich mir während der Blasen-Problematik so manches mal auf die Zähne gebissen. Wie heißt es so schön, nur die Harten kommen in den Garten. Und nach ein paar Tagen und unzähligen „ich schenke dir gerne meine Stöcker“ Angeboten von den lieben Pilgern, war alles vergessen und es lief bzw. ging wieder.

Und so verbrachte ich Tag für Tag auf den Pilger-Wegen in Spanien. Mal war es flach, mal ging es bergauf, mal war es sonnig oder mal bewölkt. Von Navarra, ging es über La Rioja, nach Kastilien bis hin zu Galicien. Letzteres erinnerte mich an meine Kindheit. Galicien, ein Ort an dem es nach Landwirtschaft „duftet“ und überwiegend regnet. Man könnte von „Ostfriesland 2“ sprechen. Jedenfalls wimmelt es auf diesem Streckenabschnitt nur so von Pilgern. Denn um seine Compostela zu erhalten, muss ein Pilger „nur“ 100 Kilometer nachweislich anhand der Stempel im Credencial del Peregrino (Pilgerausweis) zurückgelegt haben und so sind die meisten, die vielleicht nur 1-2 Wochen Urlaub haben, auf diesem Streckenabschnitt unterwegs. Das hat zur Folge, dass nicht alle Bewohner Galiciens die Pilger freundlich empfangen. Das eine oder andere miese Gesicht und „Unfreundlichkeit“ begegneten mir. Vielleicht liegt es auch nicht nur an den vielen Pilgern, sondern auch am schlechten Wetter. Ich weiss es nicht. Jedenfalls finde ich es schade, wenn man 600 Kilometer nur Freundlichkeit erlebt und dann kurz vor dem Ziel Santiago de Compostela das Gegenteil erlebt. Dies ist gerade für diejenigen, die nur den letzten Abschnitt laufen, schade. Auch wird auf diesem Streckenabschnitt so mancher Geldbeutel auf die Probe gestellt. Gerne kostet hier alles doppelt so viel wie bisher. Der Pilger-Tourismus macht es möglich. Dennoch hatte natürlich auch Galicien seinen Scham und war nach all den heißen Tagen sehr erfrischend.

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Die Landschaft des Camino Frances.

Am 31. Mai 2016 war es dann so weit. Ich stand um 14:55 vor der Kathedrale in Santiago de Compostela. Überglücklich und gleichzeitig erleichtert. 16 Tage pilgern liegen hinter dir, du bist 800 Kilometer gelaufen, das entspricht in etwa der Strecke von Hamburg bis München. Es ist einfach Wahnsinn! Ich blieb noch einen Tag vor Ort, um die Pilgermesse um 12 Uhr am Folgetag meiner Ankunft in der Kathedrale zu erleben. Am 1. Juni 2016 reiste ich dann zurück über Madrid nach Hamburg.

Dieser Blog-Eintrag spiegelt nur einen Teil einer unvergesslichen Reise, eines Abenteuers, wider. Sicherlich werdet ihr bald noch mehr davon lesen können;-).

Ich bin in meinem kleinen Bericht wenig auf die Orte eingegangen. Das hat folgenden Hintergrund: Für mich waren Landschaft und Menschen das A und O auf meinem Camino. Ich bin lieber durch die Wälder gegangen anstatt in die Stadt die Kathedrale anzuschauen. Zumal meist die Kathedralen erst um 16 Uhr geöffnet hatten, was sicherlich für den einen oder anderer Pilger eine Enttäuschung war. Ich gestaltete mir den Camino so wie ich es für richtig hielt. Und ich bereue keinen Schritt von den täglich ca. 88.000 Schritten, die ich im Schnitt zurückgelegt habe.

Es ist eine Reise von der ich noch lange berichten werde. Eine Reise, von der ich viel gelernt habe… über mich, über die Menschen und über das Leben an sich. Angekommen bin ich nicht nur in Santiago de Compostela, sondern auch bei mir. Und so möchte ich abschließend an jeden einen Appell richten: Wenn ihr den Traum vom pilgern habt, egal wo, dann nehmt diese Reise in Angriff. Ihr werdet dankbar sein, dass ihr so etwas erleben durftet. Und auch, wenn es vielleicht in den Medien anders repräsentiert wird, die Herbergen sind sauber und nicht komplett überfüllt. Es findet sich gerade wenn man alleine unterwegs ist, immer ein schönes Plätzchen.

Falls ihr Fragen zum Camino habt, schreibt mir gerne eine Mail an mail@ilkagroenewold.de.

Buen Camino!

Eure Ilka

PS: Ein Dank geht an Pilgino (http://www.pilginoshop.com/), die mich von Anfang an und bis zum Ende unterstützt haben. In Sachen Ausrüstung, Transfer etc..

Außerdem an die Marken asics (http://www.asics.com/de/de-de/), Sziols (http://www.sziols.de/) und Jack Wolfskin (http://www.jack-wolfskin.de/).

Und nun folgen noch ein paar weitere Fotos getreu dem Motto „Bilder sagen mehr als tausend Worte“.

 

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Ich als „glückliche“ Pilgerin.

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Ilka Groenewold auf dem Jakobsweg.

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Der Wegweiser – die Muschel.

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Der Weg.

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Die Kathedrale von Burgos.

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Eine kleine Ortschaft auf dem Camino Frances.

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Am Ortsausgang von Sahagun.

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Auch Pilger-Hunde sind unterwegs.

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Die Kathedrale in Leon.

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Ein wunderschöner Ort – LEON!

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Mein Pilgerausweis – Credencial del Peregrino.

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Das typische Pilger-Frühstück.

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Beim Cruz de Ferro auf über 1.500 Metern Höhe.

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Die Wegweiser nach Santiago de Compotela.

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Abends beim Pilger-Menü.

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Stärkung auf dem Weg.

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Nach der Ankunft in Santiago de Compostela.

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Die Compostela.